Tracht#

Tracht

Tracht kommt von tragen und bedeutete jede Art von Kleidung, nichts Besonderes. Den Bedeutungswandel brachte die Romantik des 19. Jahrhunderts mit ihrer Suche nach "Volkstum" und "Volksgeist". Idealistisch und ideologisch suchten die Bürger - wie bei den Bräuchen - das vermeintlich Reine, Alte, Unverdorbene, Ursprüngliche auf dem Lande. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zuerst in Bayern Vereine, die Trachten und Volkstänze pflegten. Tirol, Salzburg und Kärnten folgten. Um 1870 bemühten sich die Heimatschutzbewegungen um "Volkskunst auf dem Gebiet der beweglichen Gegenstände, Sitten, Gebräuche, Feste und Trachten". 

Die ersten Heimatwerke (Hemslöjden) entstanden 1870 in Skandinavien, 1930 in der Schweiz. Sie sollten Tradition und im Traditionsbereich arbeitende Gewerbe unterstützen. Nach diesem Vorbild richtete Prof. Viktor Geramb (1884-1958) 1934 in Graz als erstes in Österreich das Steirische Heimatwerk ein, im selben Jahr folgte eines in Tirol. Gerambs Institution legte auf Beratung im Sinne des "Echten" Wert. Der Museumsdirektor nahm Kontakt mit der Textilindustrie auf, vermittelte Vorlagen aus den Sammlungsbeständen und zeichnete die so erzeugten Waren mit einem Qualitätssiegel aus. In der NS-Zeit wurden in allen Bundesländern außer Vorarlberg Einrichtungen zur so genannten wissenschaftlichen Trachtenerneuerung.

In Oberösterreich entstand in den 1970er- Jahren "ein wahres Goldhaubenfieber" (Gexi Tostmann). Die "Volkskultur Niederösterreich", ein gemeinnütziger Verband für regionale Kulturarbeit, präsentierte 2006 die ersten Blätter einer Trachtenmappe mit 40 Mustern. Sie zeigen u.a. den NÖ-Anzug, das NÖ-Kostüm und den immer beliebter werdenden Kalmuk-Janker (Berufskleidung der Weinhauer und Schiffer in der Wachau, aus braun-schwarz-weiß gewürfeltem Schaf-oder Baumwollstoff, der locker gewebt und dicht gewalkt ist). 2008 startete die Initiative "Wir tragen Niederösterreich", eine Aktion "zur Stärkung des regionalen Selbstbewusstseins und für ein Leben mit Werten und Traditionen". Dabei spielen neben Bräuchen und Produkten aus dem Bundesland "die Tracht und das trachtige Gewand" eine große Rolle. 2009 wurde der "Dirndlgwandsonntag" mit der Einladung zum "Kirchgang in der Tracht" im ganzen Bundesland durchgeführt.

Leopold Schmidt beschreibt Hängetrachten, die im späten Altertum von Männern und Frauen aller Bevölkerungsschichten getragen wurden: Ein Leibrock (Tunika, Kittel) aus grobem, darunter ein Hemd (Pfaid) aus feinerem Leinen, darüber ein Umhängemantel (Fleck) aus Loden, alles ungefärbt. Der einzige Unterschied zwischen Männer- und Frauenkleidung war die Länge. Mit dem Zerfall des römischen Reichs setzte die "große Trachtenwende" ein. Während sich in den Oberschichten die Männerkleidung völlig veränderte und die körperbetonte Damenmode durchsetzte, zeigen noch Bilder aus dem 15. Jahrhundert Bäuerinnen mit altmodischen Leibröcken. Um 1500 änderte sich die Kleidung. Wie in der Architektur ersetzte die Querbetonung die Höhe. Die so genannte "altdeutsche Tracht" der Männer zeigte die ständische Bedeutung der Gewandung. Nur Bürger, nie Bauern, trugen die neue Schaube, einen vorne offenen, hüftlangen Mantel. Für Bürgerinnen wurde die Haube zum Statussymbol, während Bäuerinnen noch lange bei den mittelalterlichen Kopfbedeckungen blieben.

Die Kleiderordnung Ferdinand I. (1552) gab den fünf Ständen unterschiedliche Möglichkeiten. Dies drückte Machtverhältnisse aus und sollte dem Luxus Einhalt gebieten. Der untertänige Bauer und Taglöhner durfte nur Kleider aus einem unzerschnittenen Stoff billiger Sorte tragen. Dem Bauernstand wurde die sparsame Verwendung der Farben Rot und Grün gestattet.

Der große Wandel kam durch die Aufklärung: josephinischen Reformen - Einschränkung der Robot, Aufhebung der Leibeigenschaft (1781) - und den Zeitgeist der Französischen Revolution ("Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"). Um 1800 trennte sich die Mode vom "Gewand" (Tracht). Franz Lipp stellte fest, dass "zwischen 1780 und 1830 die … Regional- manchmal auch Lokaltrachten sich erst richtig entwickelten und formierten." Es war die Zeit, in der die Reiseschriftsteller ausschwärmten, um Land und Leute kennen zu lernen (z.B. Friedrich Anton Reil 1835) und die Biedermeiermaler (z.B. Ferdinand Georg Waldmüller, 1793-1865) Feste und Alltag naturalistisch darstellten. Es war aber auch schon die Zeit industriell erzeugter Textilien, vorfabrizierter Tücher und modischer Muster.

Inzwischen haben nicht nur traditionsbewusste Kreise die Tracht wieder entdeckt, sie steht auch im Mittelpunkt eines Events. Das im August 2009 zum dritten Mal durchgeführte "Dirndlfliegen" findet inzwischen in Österreich - im 18 Grad kalten Bergsee auf der Mariazeller Bürgeralpe - Deutschland und Italien statt. 2008 sprangen 62 Dirndl-Träger/innen vor hunderten Besucher vom Dreimeterbrett ins Wasser. Die schon als "Kult" gepriesene Veranstaltung soll "Trachten und Event verbinden".


Quellen: 
Annemarie Bönsch: Formengeschichte europäischer Kleidung. Wien 2001. S. 78
Franz C. Lipp, Elisabeth Längle, Gexi Tostmann, Franz Hubmann (Hg.): Tracht in Österreich. Wien 1984. S. 12
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1972. Bd. 2/S. 13f.
Schaufenster Volkskultur. Heft 3/2009
Dirndlfliegen
Dirndlfliegen 2009

Bild: "Kranzjungfer (Schäppelmeiggi) aus dem Montafun, Vorarlberg". Aus: Lipperheide: Blätter für Kostümkunde. Berlin 1879

« Diese Seite wurde am Donnerstag, 17. September 2009, 16:23 von Wolf Helga Maria erstellt, zuletzt geändert am Samstag, 28. August 2010, 18:33 von Wolf Helga Maria (Version 22).  
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